Learning by digging

Manche haben einen "grünen Daumen", andere müssen sie sich diesen verdienen. Ich gehöre eher zur zweiten Sorte, bin bekannt für komische Gartenexperimente und Kombinationen und schaffe es auch mal vor lauter Begeisterung ungebremst ein Pflanzprojekt in die Wand zu fahren. Der Kompost findet das nicht weiter tragisch - aber ab und an ist der Frust gross und das schmollende Schnauben laut.

Seit Jahren bleib ich meinem Gartenmotto treu: Wenn schon Gartenarbeit, dann muss dabei was zum Naschen rausschauen - für Mensch & Tier. Als ich in meiner ersten eigenen Wohnung den kleinen Balkon zu begrünen begann, standen Beeren bei mir hoch im Kurs. Da wurden Johannisbeeren, Stachelbeeren, Jostabeeren und Erdbeeren in allen möglichen Farbvarianten Topf an Topf gereiht.


Je mehr "Sommer" kam, desto kleiner wurde der verfügbare Platz für mich selber und meinen Brennofen. Die Pflanzen gediehen - ich musste die Töpfe weiter auseinander stellen, dass sie nicht ineinander wuchsen. Zu guter Letzt stand mein "Balkonsessel" im Esszimmer und wenn ich mein Porzellan brennen wollte, musste ich mit der Hilfe von mehreren aufgespannten Regenschirmen eine "Sicherheitszone" bilden. Ja, meine Nachbarn hatten immer was zum Grinsen.... ausser ich goss mal wieder zu beherzt und ihre herausgeputzten Geranienkästen bekamen das "Restwasser" - durchsetzt mit Erde - ab.


Durch all die Jahre, Wohnungen und Häuser habe ich alles begrünt, was sich begrünen liess. Vom kleinen 1-Quadratmenter-Balkon in der Stadt, über etwas grössere Balkone und Terrassen. Inklusive aller Pleiten und Pannen, die man als "Neugärtner" eben so macht. Standortverhältnisse ignoriert, Platzbedarf runtergespielt nach dem Motto "das kann man bestimmt durch zurück schneiden steuern", Krankheiten nicht erkannt, Dünger unterschlagen, Ansprüche der Pflanzen ignoriert - die Liste ist endlos. Und wenn eines sicher ist, dann dass sie noch lange nicht zu Ende ist.

Ich habe wieder einen Garten und nach dem Umzug kam Vieles aus den Töpfen in den Boden. Zum Glück lassen die Vermieter das zu. Aktuell ist der Garten eher eine grüne Hölle, wie eine kreativ-chaotische Naturgartenkreation. Das letzte Jahr, welches alles andere wie optimales Gartenwetter bot, ist in allen Ecken und Winkeln zu erkennen. Nicht alle Pflanzen haben dieses "Sumpfwetter" überstanden. Entweder sind die Wurzeln abgefault, ein Pilz hat sich eingenistet oder der Appetit der Rotten von Schnecken hat sie dahin gerafft. Die Folge davon war eine "Gartendepression". Nach wochenlangem morgendlichen Ablesen der Nacktschnecken (Kesselweise!) und zahlreichen Rettungsver-suchen von Pflanzen, gab ich auf. Ich zog die Vorhänge zu, liess Rollläden unten und wollte mir irgendwann das Drama, welches sich im Garten abgespielt hat nicht mehr ansehen.


Im ersten Jahr habe ich im Garten ein "Gartenlabor" gepflanzt. Diverse Stauden - jeweils ein Exemplar - wurden wild verstreut im Garten gepflanzt, um herauszufinden, was auf dem Boden am besten wo gedeiht und viele Gartenbewohner wie Wildbienen und Schmetterlinge anzieht. Dann kam das Regenjahr und wo die Stauden keine Chance hatten, machte sich das Unkraut breit. Die "grüne Hölle" ist gerade viel Arbeit - macht aber auch viel Spass. Vor allem, wenn auf einmal des Nachts der Hund einen Igel verbellt und den neuen Gartenbewohner skeptisch beäugt, man einen Topf anhebt und in de verschlafenen Augen eines Bergmolches blickt, einer Blindschleiche beim Sonnen zuschauen kann oder bevor man etwas sieht das tiefe Brummen der Holzbiene immer näher kommt.


Die "Gartendepression" schien sich mit den ersten Sonnenstrahlen im Frühling vom Acker zu machen. Vorsätze und Planungen standen auf der Agenda, der Garten auf inspiziert und eine Bestandesaufnahme gemacht. Als sie ersten Aufzuchtbilder in Instagram aufgetaucht sind, kribbelten die Fingerkuppen bereits wie verrückt und der Tatendrang galoppierte los. Aufgrund der letztjährigen Erfahrung nicht gleich im gestreckten Galopp - da hatte ich mir definitiv zu viel vorgenommen, was Kompostfutter wurde. Frau ist also bedingt lernfähig - juhuiii!


Ich habe gelernt, dass man mit ansähen zu spät dran sein kann - die Kaltkeimer mussten aussetzen. Die zu späte Tomatenansaat mündete 2021 in einer Ernte, welche sich nur wegen dem Wetter bis in den Winter reinzog. Das Gute daran: meine Entdeckung "Wildtomaten". Diese wilden Kerle haben noch im September Blüten entwickelt, Früchte gebildet und diese ausgereift. Trotz dem miserablen Wetter ist meine Randenkultur im Hochbeet so gut gewachsen, dass ich begann meine Ernte zu verteilen. Irgendwann konnte ich die Dinger, egal ob gelb, geringelt oder tiefrot nicht mehr sehen und kapitulierte. Weitere Lektion: nur soviel wachsen lassen, wie man auch essen, verarbeiten, lagern und verschenken kann.


Ich mache "mein Ding". Meine "Naturgarten-Ader", vereint mit dem Hang zu Naschwerk, scheint nicht allen zu schmecken. Zu wild, zu unordentlich, zu....anders? Aber ich habe auch viele, die den wilden, eher unkonventionellen Garten lieben und immer wieder neues entdecken. Aktuell müsste ich allfälligen "Kritiker" bezüglich Unkraut - oder wie andere es nennen "Beikraut" recht geben. Es ist überall. Ich kämpfe an allen Ecken und Enden.


Zu Beginn des Jahres war es deutlich stiller im Garten wie in den Vorjahren. Das nasse 2021 hat nicht nur meiner Laune und den Gartenpflanzen hart zugesetzt, sondern auch den Gartenbewohnern. Das macht Sorge und gibt mir persönlich noch Gründe mehr für die Garten-WG zu machen.

Ein Igelhaus wurde gebaut, Nisthilfen für Wildbienen aufgestockt, zusätzliche Sonnsteine platziert, eine weiter Benjeshecke gestartet, Vogelhäuser aufgehängt und in einer ruhigen Ecke eine Igelburg kreiert. Knoblauch wurde gesteckt. Statt Randen kamen "Rattenschwänze" (Rettichart) ins Beet, die Baumscheiben mit weiteren Gildenpflanzen bestückt. Süsskartoffeln wachsen dieses Jahr in grossen schwarzen Eimern, statt im Hochbeet.


Eine Yaconpflanze und Erdbirnen erweitern das "Knollenangebot" neben Karotten und Pastinaken. Der Dill und die Kapuzinerkressen machen sich selbständig und arbeiten an der "Beetherrschaft", während zahlreiche Schwalbenschanzraupen in jeder Grösse das Angebot geniessen. Im "Rasen" haben sich Grasnelke und Habichtskraut neben Nelkenwurz, Spitzwegerich und Löwenzahl breit gemacht.


Wir stecken bereits mitten im neuen Gartenjahr, zahlreiche Experimente sind gestartet, Erfolge gefeiert und neue Vorhaben geplant. Jetzt habe ich nur ein - zugegeben "Luxusproblem": Mir geht der Platz aus. Aber ich bin sicher, dass mich der Garten und die Natur noch zahlreiche Lektionen lernen lässt. Denn eines ist sicher "Learning by digging" gilt wohl ein Leben lang - es gibt soviel zu entdecken und auszuprobieren. Klappts nicht - dann weiss ich wenigstens, wie es nicht klappt und geh in die nächste Runde ;-) ...beim Pflanzen überwintern brauch ich wohl noch ein paar mehr ...


Allen Gartenanfänger kann ich sagen:

  • Keiner hat alles im Garten im Griff

  • Die Natur hat manchmal ihre eigenen Pläne

  • Die Menge der Gartenarbeit lässt sich steuern (pflegeleichte Pflanzen & Gestaltung)

  • Es muss nicht immer alles "geschleckt" aussehen - etwas "Wildes" darf jeder Garten haben

  • Es lässt sich auf dem kleinsten Flecken einen "Garten" kreieren

  • Immer Pflanzenansprüche berücksichtigen

  • Nicht alles auf einmal

  • Mit einfachen Pflanzen beginnen - der Übermut kommt früh genug

  • Versucht Pflanzen mit Mehrfachnutzen zu nehmen. Zum Beispiel: als Bienenweide, Naschwerk & Vorrat, Gartenapotheke, Winterfutter für Gartenbewohner...wie Beerenpflanzen ;-)

...man muss nur wollen und etwas Ausdauer und Geduld haben. Beim letzten Punkt bin ich nicht so gut, aber "nobody is perfect" :P


So, und jetzt geht raus und macht euch die Hände schmutzig :D

 

Dieser kleine Beitrag entstand, weil ich heute Besuch im Garten hatte. Sie hat einen tollen, professionellen und aufgeräumten Garten ;-) Und sie fand meine Wildnis toll, lecker und hat selber auch begonnen ein bisschen was bei sich selber zu machen. Aber es fehlt noch ein bisschen an Selbstvertrauen, Übermut und Zuversicht. Da ich diese Reaktion nicht das erste Mal erlebt habe, dass sich Menschen nicht zutrauen selber einen Garten entstehen zu lassen, der seinen ureigenen Charme hat... vielleicht werde ich ein bisschen mehr schreiben, was dem Garten, seinen Mitbewohnern und mir so widerfährt - aber man soll sich ja nie zu viel vornehmen, nicht wahr? ;-)