HOW TO BECOME A VIKING?

die zeit der wikinger im visier.

Noch bin ich weit davon entfernt eine seiten-füllende Abhandlung zur Gewandung und dem Leben der Wikinger zu schreiben. Aber ich arbeite daran! Dank vielen netten und hilfsbereiten Leuten, kommen wir auch Schritt für Schritt vorwärts. 

Jedem, der/die in diese Zeit einsteigen will, kann ich nur raten, neben den Inspirationen von Veranstaltungen auch selber zu recherchieren. Sei es im Internet, in der Literatur oder durch Museumsbesuche und -Kataloge. Da die Wikingerzeit schon eine Weile her ist und das Meiste an Funden eher einem grossen Puzzle gleicht, kann man bei vielen Dingen nur mutmassen - speziell was die Gewandung betrifft.

 

Es gibt zahlreiche Publikationen zu Grabfunden, gute Skizzen und Replikate, die einem eine Idee vermitteln können.  Meiner Meinung nach ist es wichtig, bevor man loslegt Zeit, Geld und Herzblut zu investieren, etwas zu forschen und zu lernen. Nicht jeder Wikingerdarsteller oder -Film zeigt Dinge, die man bedenkenlos replizieren kann. Genauso sind auch die Angebote der Händler auf den Märkten oder im Internet immer zu hinterfragen. Viele Händler bauen ihr Angebot mit viel Herzblut und Liebe zum Detail auf und können die Funde etc. von ihren Replikaten nennen - manche jedoch bieten nur Pseudo-Teile an - das ist wie überall.


Wie nah Mann/Frau an der "echten" Darstellung sein möchte, muss jeder für sich entscheiden. Alles was ich hier niederschreibe ist übrigens meine Art an die Darstellung zu gehen und ist nicht als das JENE WELCHE zu betrachten. Da gibt es andere Wikingerdarsteller, die bestimmt viel näher an der Realität sind wie ich und weit mehr Erfahrung haben. Ich lerne noch immer dazu und stecke noch komplett in der Startphase!

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was nun alles in eine Grundausrüstung für eine Wikingerfrau gehört und wie die Unterschiede zwischen den Ständen, Berufen etc. sind. Ausserdem sind mir die regionalen und zeitlichen Unterschiede noch nicht ganz so geläufig. Aber ich habe mich schon mal auf das ca. 9. / 10. Jahrhundert festgelegt und geografisch im Bereich Norddeutschland, Dänemark, Norwegen und Schweden. Dabei ist mir noch nicht klar, wie sehr man die "Zutaten" in der Darstellung vermischen kann, da es regem Handel und Austausch gab.

 

Aktuell habe ich:

 

  • Unterkleid 

  • Überkleid 

  • Schürze

  • Rechteckmantel

  • Haubentuch

  • Schuhe

  • Mantel

  • Tasche 

  • Mütze

  • Handwärmer

  • Gugel

Natürlich wird die Ausrüstung mit den Jahren wachsen und sich entsprechend der Erfahrung weiter entwickeln. Auch wird es irgendwann Teile für verschiedene Saisons geben - ein Winter- und Sommerset zum Beispiel. Oder eines fürs Handwerk und ein Anderes für "schön". Seit das erste Set steht und ich damit den Praxis-Test machen kann bin ich entspannter ;-)

Wikingerfrau - Untergewand aus Leinen

Das Untergewand ist aus feinem, ungebleichtem Leinen und sehr angenehm zu tragen. Der Schnitt ist nicht viel anders, als bei den Untergewändern aus dem 15. Jahrhundert. Man findet dazu zahlreiche Vorlagen im Internet. 

Dieses Mal habe ich jedoch anstelle des Ärmel-Muster mit Schulterkugel ein langes Rechteck genommen und damit der Tragekomfort trotzdem gewährleistet ist ein Quadrat "in die Achselhöhle" genäht (siehe Bilder unten). Der Hals-Ausschnitt ist ein Rollsaum und ein kleines bisschen eng geraten um den Hals - aber mal schauen wie der Praxis-Test ausgeht. Sonst wir eben nochmals umgenäht ;-)

Als ich mit dem Nähen vom Gewand fertig war, brauchten meine Hände erst mal eine Pause. Das nächste Stück wird das Übergewand aus Wolle (Diamantkörper).

Ich werde mir noch ein weiteres Untergewand nähen, wobei ich nicht sicher bin, ob ich den Schlitz vorne weglasse und dafür eine im nächsten Übergewand einbaue. Mein "Fiebel-Lieferant" Ken meinte, dass man dann eine schöne kleine Brosche platzieren könnte - natürlich total uneigennützig der Kommentar. Aber man sieht es wirklich öfters in der Literatur und bei Reenactoren. Daher werde ich mir das gut überlegen, bevor ich zuschneide.

Material-Quellen fürs Untergewand

Leinen von naturtuche.de; Nähfaden Leinen von Spycherhandwerk Huttwil

Material-Quellen fürs Übergewand

Wolle vom Mittelaltermarkt Meersburg; Nähfaden Wolle von Spycherhandwerk Huttwil

Wikingerfrau - Übergewand aus Wolle

Das Untergewand ist aus einem Diamant-Wollkörper, bei dem man praktisch zusehen konnte, wie sich die Fäden des Stoffes selbständig machen. Zum Glück berechne ich immer soviel Nahtzugabe - sonst hätte ich bei dem Kleidungsstück relativ rasch ein Problem gehabt und hätte cheaten müssen. Aber es ging ohne ;-)

Der Schnitt des Kleides ist recht einfach nur dass ich diesmal bei den Ärmeln einen mit Schulterkugel gewählt habe. Mein Plan ist bei diesem "Starter-Set" von Wikingerkleidung verschiedene Arten von Ärmel durchzutesten. Was sich in der Praxis nicht bewährt wird bei zukünftigen Projekten nicht mehr in Betracht gezogen.

Das Untergewand habe ich beim Nähen des Übergewandes schon mal Probe getragen. Passt, sitzt und ist bequem. Das Übergewand passt gut drüber - einzig bei den Armlochbreiten muss ich mich nächstes Mal auf eine bessere Abstimmung der Weiten achten. Also vorne beim Ärmel. Auch die Ausschnittweite ist beid diesem Ueberwand recht knapp bemessen - aus guten Grund von wegen winterlichen Temperaturen - aber etwas zu gut gemeint in der Enge. Vielleicht kommt bei der nächsten Version auch ein Schlitz rein.

A propos Ausschnitt - es gibt ja ausreichend Leute, welche bei Wollstoffen auf nackter Haut gleich einen Juckreiz verspüren. Ich hab beim Ausschnitt einen kleinen Besatz aus Leinen - ebenfalls Diamantkörper - gemacht. Damit verhindere ich, dass es mich vielleicht auch einmal Juckt - und der Ausschnitt leiert weniger aus.

Das Übergewand ist komplett handgenäht, gefädelt, geheftet und überhaupt ;-)  Jetzt geht es an das Schnittmuster für die Schürze!

Material-Quellen für die Schürze

Wolle von naturtuche.de; Nähfaden Wolle von Spycherhandwerk Huttwil

Wikingerfrau - Schürze aus Wolle

Ehrlich gesagt eines meiner "Lieblingsteile" bezüglich Endlosdiskussionen und -Recherche. Es gibt Funde in Gräbern, Darstellungen auf kleinen Messingtafeln und und und. Die meistens jedoch so, dass noch reichlich Interpretationsspielraum da ist. Die erste Schürze habe ich nach einem Schnittmuster genäht, welches mir von einer Darstellerin empfohlen wurden, welche öfters in Haithabu anzutreffen ist
(http://www.dragonlore.net/costuming/apron_dress_3gore.php).

Die Basis besteht aus drei Panels und zusätzlichen Geeren/Spickeln. Das Ganze ist recht figurbetont, wenn man möchte, wobei ich lieber etwas Raum gelassen habe, falls der Zwiebellook an kalten Tagen ein weiteres dickes  Überkleid erfordert. 

Die Träger habe ich im Matrazenstich um eine Stricknaden zusammegenäht, um sie so dünn hinzukriegen.

Die Brettchenborte habe ich selber gewebt und ist angelehnt das Osebergband. Webbriefe dazu findet man viele online. 

Rechteckmantel

Da ich eigentlich eher ein Kind der nördlichen Hemisphäre bin und Zwiebellook toll finde, habe ich mit dem Rechteckmantel begonnen. Dieser kann aufgrund seiner Dimensionen auch als Decke dienen und damit doppelt praktisch. 

A propos Dimensionen - ich habe ein bisschen gegoogelt, um eine Vorstellung zu kriegen, was in der Reenactorwelt so an Faustregeln rumschwirrt und mich dann "mehr oder weniger" an folgende gehalten:

  • Breite: bei ausgestreckten Armen von Hand zu Hand messen

  • Länge: vom Nacken bis Mitte Wade + 30% für Umschlag

Ich habe die Nähte mit dem Hexenstick/Herringbone versäubert. Erst eigentlich nur mit dem gelben und blauen Faden. Dann fiel mir auf, dass die Versäuberung selber fäden ziehen könnte, wenn sie wo hängen bleibt und bin nochmals mit der Nadel rundherum und hab im Kreuz noch einen braunen Faden angebracht. Ich denke man sieht es auf dem Bild ganz ordentlich. 

 

Das für mich Mühsamste war ein regelmässiges Stickbild zu erreichen. Zu Beginn habe ich 5mal neu begonnen, bis ich halbwegs zufrieden war - dabei ist das die Innenseite *hüstel*. 

 

Die Aussenseite kriegt ein Band aus blauem Leinen, um die horizontalen Stiche, die leider definitiv nicht regelmässig wurde zu kaschieren. Wenigstens bin ich ein bisschen relaxter geworden mit dem Stickbild - hab nur noch 3mal begonnen um einen passenden Stich zu finden für die Bandbreite - natürlich auch im Herringbone-Modus. Bild vom Endresutlat wird folgen - aber gebt mir ein bisschen Zeit - das Leinen ist um Welten mühsamer, weil ich es nirgends richtig einspannen kann - bei der Wolle war das nicht nötig.

Material-Quellen für Rechteckmantel

Wolle von naturtuche.de; Stickwolle von Pica; Fibel von Ken Ravn Hedegaard

Material-Quellen für das Kopftuch

Wolltuch & -Faden von Vikingcenter-Markt in Ribe

Wikingerfrau - Haubentuch aus Wolle

An kalten Tagen bevorzuge ich definitiv eine Mütze (Naalbinding) und die Gugel. Aber ab und an gibt es ja auch eine blaue Störung und die Mütze wird hinfällig. Dann ist eine Haube ein kleiner Sonnenschutz und bei Bad-Hair- oder windigen Tagen die ultimative Lösung;-) 

Dafür dufte ich in Ribe erst mal eine Haube "antesten" und mir wurde vom Profi gezeigt, wie man diese drappiert - merci vimau Geske!

Natürlich musste dann gleich ein eigenes Tuch her und ich wurde auf dem Markt gleich fündig. Ein toller feiner blauer Wollkörper. Gleich am Abend habe ich ihn zugeschnitten und am nächsten Tag auf dem Markt wurde er zum fertigen Haubentuch - dank feinem Rollsaum.

Bei langen Haaren macht Frau am besten einen Knoten ins Haar und drappiert die Haube dann ebenfalls als Knoten darum. Mit dem Haarknoten hat man eine stabile Basis und das hilft definitiv die Haube zu binden. An der einen oder anderen Stelle kommt zum Fixieren noch eine Nadel rein.

Die Dimension vom Tuch habe ich wie beim meinen Mittelalterhaubentüchern bemessen. Arm ausstrecken und vom Handballen/Handgelenk bis zum Schultergelenk messen. Das ist die Breite. Die Länge ist von der Schulter bis ca. auf Fussknöchelhöhe.

Darstellungen für Haar- und Haubenknoten findet man unter anderem im Buch "Iconic costumes - scandinavian late iron age costume iconography" von Ulla Mannering ISBN: 978-1-78570-215-0.

Und ich habe Naalbinding gelernt! Naja - zumindest einen der vielen möglichen Stichen davon. Zuerst habe ich eine Weile im Langhaus einer Wikingerlady zugeschaut - es mir genauer zeigen lassen und mit ihr einen Handel abgeschlossen. Auf dem Markt wurden Nadel und Wolle besorgt. Am Abend auf dem Campingplatz wurde gefriemelt, getestet, unschöne Worte durch die Zähne gezischt und gejubelt.

Auch wenn ich ausgehandelt hatte, dass ich am nächsten Tag bei Bedarf Hilfe kriegen werde, wollte ich es selber hinbekommen. Nicht nur wegen der netten Lady - der Schmied auf dem Markt titulierte meine gestrickten Handwärmer als Teufelszeug. Der hat ziemlich gestaunt - damit hatte er nicht gerechnet ;-)

Randnotiz Wer sich auch mit Naalbinding beschäftigen möchte und einen Einstieg sucht - die Videos von Flinkhand sind wärmstens zu empfehlen. 

Material-Quellen für die Hedeby-Bag

Wolltuch aus privatem Tauschgeschäft ,
Taschenbügel von Vikingcenter-Markt in Ribe,

Wolle zum Sticken von Pica (Reenactor),

Leinenreste für das Futter von naturtuche.de

Haithabu-Tasche 

Egal welche Zeit ich darstelle - Taschen kann man nie genug haben ;-) Unter den Funden von Haithabu befanden sich auch Taschenbügel aus Holz. Aus welchem Material die Tasche selber bestand, lässt sich nur vermuten. In den "Schlaufenaussparungen" fand man Fadenreste - mehr nicht.

Daher lässt die Gestaltung einer eigenen Tasche viel Spielraum. Stoff, ein geknüpftes Netz, Naalbinding-, Leder- oder Fellvarianten, längliche und abgerundete Formen, mit Seiteneinsätzen und ohne...Mit Brettchenwebborte, Hanfseil, Lederstreifen als Schulterriemen... Und natürlich gibt es nicht nur die Haithabu-Taschenbügel - es wurden auch Weitere bei anderen Ausgrabungen wie zum Beispiel in Birka gefunden. Es ist immer wieder faszinierend die Vielfalt an Ideen von den Machern der Taschen zu studieren, wenn man an Anlässen ist. 

Meine Vorgehensweise ist auf jeden Fall, dass die Tasche eine Innentasche aus Leinen hat - verdeckt durch eine Zieraussenhülle (bis jetzt 2mal mit Wollstoff). Das Leinen verhindert ein wenig aus Ausbeulen oder Ausreissen des Wollstoffes und der Nähte. Falls ich unbedacht was Schneidenes oder Schmutziges reinwerfe (bis jetzt zum Glück nicht vorgekommen), leidet das besser waschbare Leinen erst einmal.

Wer Inspirationen zur Gestaltung sucht findet online zahlreiche Beispiele an Umsetzungen mit dem Stichwort "hedeby bag".

Literatur rund um die Wikinger

Ein kleiner Auszug aus meinem Bücherregal. Ich update in Zukunft ab und an. Aber ich mag nicht alles auf einmal eintragen;-)

Iconic costumes - Scandinavian Late Iron Age Costume Iconography

Oxbow Books (2017), Hardcover, 288 pages

Author: Ulla Mannering

Wikinger selbst erleben! Kleidung, Schmuck und Speisen - selbst gemacht und ausprobiert

Konrad Theiss Verlag (2014), Hardcover, 96 pages

Author: Christoph Lauwigi 

Faszination Wikinger: Ein Reiseführer

Konrad Theiss Verlag (2017), Paperback, 192 pages

Authors:  Barbara Post, Stefan Libsky

Die Wikinger: Das Zeitalter des Nordens

Klett-Cotta (2016), Hardcover, 192 pages

Author:  Anders Winroth